Eine Reihe von Interviews mit Slavko Ninić,

dem Bandleader der Wiener Tschuschenkapelle.

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Wienerin, vom 25.01.2018

Die Wiener Patrioten vom Balkan

Die Kultband "Wiener Tschuschenkapelle" steht für multikulturellen Sound zwischen Folklore, Jazz und Klassik. Auf ihrem 15. Album lässt sie mit ihrer Interpretation von Musik aus Österreich patriotische Töne anklingen. Im Gespräch mit Bandgründer Slavko Ninić.

von Catherine Gottwald 


Der Name Wiener Tschuschenkapelle steht für zwei Versprechen: zum einen, dass der Sound der 1989 gegründeten Band ordentlich nach Balkan klingt, und zum anderen, dass ein bisserl was Wienerisches beigemischt ist. Tatsächlich stammen die MusikerInnen – um es mit den Worten des charismatischen Bandgründers Slavko Ninić zu sagen – „direkt von der Quelle“: Mitke Sarlandziev (Akkordeon) ist ein mazedonischer Rom, Percussionistin Maria Petrova kommt aus Bulgarien, Jovan Torbica (Kontrabass) ist Serbe und Klarinettist Hidan Mamudov Mazedonier. Am 3. 2. präsentiert die Kombo ihr 15. Album mit dem vielversprechenden Titel „Die Wiener Tschuschenkapelle spielt Musik aus Österreich – Vol.15 - Die Patriotische“ live in der „Kulisse“. Darauf gibt es NUR Musik aus Österreich. Wer an dem Abend ein Album erwirbt, wird auf Lammbraten, Spanferkel, Krautsalat und Sliwowitz eingeladen. „Vegetarier bekommen leider nur Krautsalat“, scherzt Ninić.

 

 

WIENERIN: 1989 war es eine Provokation und ziemlich mutig, seine Band „Wiener Tschuschenkapelle“ zu nennen. Damals war „Tschusch“ ein Schimpfwort. Wie ist es heute?

Slavko Ninić: Ist es nicht heute auch noch ein Schimpfwort? Mir kommt aber vor, dass es weniger verwendet wird und längst nicht mehr so negativ besetzt ist. Ich kann mich erinnern, dass uns ein Freund damals vorgeschlagen hat, wir sollten uns „Tschuschenband“ nennen. Für mich war das anfangs auch nicht ganz koscher. „Deppata, was glaubst du?“ war meine erste Reaktion. Dann hat ein anderer gesagt: „Das ist ja gar nicht so schlecht!“ Dann haben wir alle irrsinnig gelacht.Heute ist es eine anerkannte Band. Bei dem Namen „Tschuschenkapelle“ denkt niemand oder kaum jemand an „den Tschuschen“, sondern an die Band, die man da- und dort gesehen- oder gehört hat. Allein das Wort ist in den Hintergrund getreten.

 
Die "Wiener Tschuschenkapelle" ist Kult. Die Bandmitglieder stammen aus verschiedenen Balkan-Ländern und haben die musikalischen Traditionen ihrer jeweiligen Herkunftsländer mit der Muttermilch eingesogen. Was macht den typischen Sound der "Wiener Tschuschenkapelle"aus?

Wir spielen die Lieder so, wie sie am Balkan klingen. Nur noch schöner. Wir sind Traditionspfleger mit ein paar höheren Kochkünsten.


Wo Sie auftreten, lässt sich das Publikum von Ihrer Musik mitreißen – egal ob mit- oder ohne "genetischen Balkan-Hintergrund". Wie gelingt das?

Musik spricht eine eigne Sprache. Unser Publikum ist bunt gemischt: alt, jung, liberal oder konservativ. Es besteht hauptsächlich aus waschechten Österreichern. Unser Stammpublikum sind keine Migranten, Flüchtlinge oder „klassischen Gastarbeiter“. Wir sind keine Ausländerband. Wir treten am Grätzlfest auf oder im Volkstheater. Inzwischen hat sich eine intellektuelle Schicht von Zuwanderern mit Uni-Abschluss die „Wiener Tschuschenkapelle“ als ihre Band auf die Fahnen geschrieben. Wir spielen auch im Ausland. Wir waren in Brasilien, Kanada …


Sie werden im Ausland also als „österreichische Band“ wahrgenommen?

Wir SIND eine österreichische Band! Da ist ja das Schöne, das wir uns hier gegründet haben, dass wir hier unsere Musik spielen und hier unsere CDs verkaufen und hier bekannt sind. Wir sind nicht bekannt in Serbien oder Kroatien. Solche Bands gibt es unten auch kaum. Weil sind musikalisch gesehen „etwas Eigenes“. Es ist schwer zu definieren. Von den Genres: Es ist ein bisschen jazzig angehaucht und ein bisschen Klassisch und wird so eine Fülle von verschiedenen Einflüssen, von den Orientalen bis Griechisch und Dalmatinisch und Wienerisch, Russisch. Am Balkan gibt es kaum eine Partie, die Ähnliches spielt. Es gibt entweder eine serbische Band oder eine bosnische oder eine mazedonische oder eine dalmatinische … Jeder spielt nur seine eigene Musik. Aber kaum was Vermischtes so was wie wir. Auch gibt es niemanden, dem alten Liedgut so behutsam umgehen würden wie wir. Deswegen sind wir auch so eine Neuigkeit.


Sie mögen den Ausdruck „Crossover“ nicht. Warum?

Musik von verschiedenen Völkern und verschiedenartige Stile zu spielen ist eine Gradwanderung. Mir kommt es drauf an, dass es irgendwie überzeugend ist und echt. Wenn wir ein griechisches Lied spielen, soll es als griechisches Lied erkannt werden. Es soll nicht irgendwie wie ein serbisches oder ein russisches oder wie ein wienerisches Lied klingen. Es ist eine Sünde, wenn man das alles irgendwie in einen Topf hineinhaut und vermischt und nix G’scheites entsteht, sondern nur Eklektizistisches, wobei alle Schönheiten verloren sind. Es soll nicht alles gleich klingen, es soll erkennbar sein. Die Ausdrücke, die Feinheiten, die bei jedem Volk und bei jedem Stück drin sind, muss man erhalten und hervorheben.


Sie singen auch auf Wienerisch …

Natürlich. Wir leben hier in dieser Stadt und es speziell das Wienerlied ist ein großartiges, musikalisches Kulturgut. Musikalisches. Wir spielen Türkisch, Griechisch, Bosnisch und Kroatisch. Warum nicht auch das Wienerlied? Es ist ein Zugang da. Man hört es überall: im Radio, beim Heurigen. Und man kennt Freunde, die das gut machen. Das hat man auch im Ohr. Genau wie die anderen Sachen.


Gibt es auf Ihrem neuen Album auch tradiertes Liedgut aus Wien?

Es gibt darauf nur Musik aus Österreich. Es heißt: „Die Wiener Tschuschenkapelle spielt Musik aus Österreich Vol. 15 – Die Patriotische“. Es gibt Klassisches: ein bisschen Schubert, ein bisschen Mozart, ein bisschen Emmerich Kálmán („Komm Zigan“ aus der Operette „Gräfin Mariza“). Volkslieder aus Tirol und der Steiermark. Lieder mit u.a. Willi Willi Resetarits, Roland Neuwirth und Maria Craffonara. Wir haben halt ausgesucht, was uns taugt und was ein bisschen unser tschuschisches Lebensgefühl ausdrückt.


Sie haben mit Maria Petrova nur eine Frau in der Band. Ist das Zufall?

Warum nicht zwei oder drei weibliche Bandmitglieder? Das ist Zufall. Ich bin froh, dass es diese eine gibt. Ich bin da ziemlich neutral. Egal, ob Mann oder Frau, Bandmitglieder müssen gute Musiker sein. Das andere ist eher sekundär.


Sie moderieren den Flüchtlingsball und setzten sich auch sonst immer bei Benefizveranstaltungen mit Ihrer Band für Flüchtlinge ein. Woher kommt dieses Engagement?

Das machen fast alle Musiker in Österreich. Politisch engagiert zu sein, gehört zum Musik-Machen dazu. Kunst muss für mich immer eine humanistische Note haben sonst ist Kunst nur für sich und in irgendeinem Turm jenseits Leben und will nichts zu tun haben mit dem, was gerade passiert.

Artikel nachzulesen unter http://wienerin.at/home/leben/kultur/5338173/Tschuschenkapelle_Wiener-Patrioten-vom-Balkan 

(Letzter Aufruf: 19.02.2018)